Philosophie
Wie ich über KI und Führung denke
Eher Kompass als Regelwerk: die Überzeugungen, an denen ich meine Arbeit ausrichte. Sie wachsen weiter, so wie das Feld selbst.
Begriff
Agentic Leadership, kurz definiert
Agentic Leadership ist Führung in einer Arbeitswelt, in der KI-Agenten eigenständig Aufgaben übernehmen. Sie beantwortet vier Fragen: Welchen Auftrag bekommt der Agent? Welchen Kontext braucht er? Wo sind seine Grenzen? Und wer prüft das Ergebnis, bevor es wirkt?
Die Werkzeugfrage tritt dahinter zurück. Ein Modellwechsel ändert die Antworten nicht, eine Führungsentscheidung schon.
Der Unterschied zu klassischer Führung liegt an einer Stelle: Ein Agent arbeitet schnell, rund um die Uhr und ohne eigenes Urteil darüber, ob seine Aufgabe sinnvoll war. Er skaliert damit auch Fehler. Deshalb verlangt agentische Arbeit mehr Vorbereitung, nicht weniger.
Woran ich das messe
Drei Zahlen, die meine Position stützen. Stand August 2026.
- Struktur schlägt Tempo. Gartner erwartet, dass über 40 Prozent aller Agentic-AI-Projekte bis Ende 2027 abgebrochen werden, wegen steigender Kosten, unklaren Geschäftswerts und fehlender Risikokontrolle (Gartner, 25. Juni 2025). Keiner dieser drei Gründe ist ein technisches Problem. Es sind Führungsprobleme.
- Kosten sind die stille Enttäuschung. Von den deutschen Unternehmen, die KI einsetzen, berichtet ein Drittel von deutlich höheren Kosten als erwartet. Gleichzeitig ist der Einsatz binnen eines Jahres von 17 auf41 Prozent gestiegen (Bitkom, 11. März 2026, repräsentative Befragung von 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten, KW 2–6/2026). Viele bauen also schneller, als sie rechnen.
- Kompetenz bleibt liegen. Nur 27 Prozent der Unternehmen haben ihre Mitarbeitenden überhaupt zu KI geschult, während jedes zweite den Weiterbildungsbedarf als hoch einschätzt. Eine schriftlich fixierte Weiterbildungsstrategie haben 29 Prozent (TÜV-Verband, Weiterbildungsstudie 2026, Forsa-Befragung von 500 Unternehmen ab 20 Beschäftigten).
Das ist die Lücke, um die es mir geht. Die Technik ist da, die Struktur fehlt.
Human in the Lead
Wer trägt die Verantwortung, wenn eine KI entscheidet?
Der Mensch führt die KI, nicht umgekehrt. Diese Position klingt romantisch, ist aber vor allem praktisch: KI kann Arbeit übernehmen, aber keine Verantwortung. Rechtlich nicht, ethisch nicht, unternehmerisch nicht.
Deshalb gehört an jede wichtige Entscheidung ein Mensch, der briefen, prüfen und einstehen kann. Wer das aufgibt, delegiert mehr als Arbeit. Er gibt Kontrolle ab.
KI führen, statt sich führen lassen
Führe ich die KI noch, oder führt sie längst mich?
Es gibt zwei Arten, mit KI zu arbeiten. Die einen konsumieren sie: Sie nehmen, was der Feed, das Tool, der Hype gerade vorschlägt, und werden dabei selbst geführt. Die anderen führen sie: mit klarem Auftrag, Kontext, Grenzen und einer Prüfroutine.
Der Unterschied klingt klein und entscheidet über alles. Geführte KI ist ein Mitarbeiter. Konsumierte KI ist ein Automat, dem man die Richtung überlässt.
Souveränität für Deutschland und Europa
Warum sollte KI auf eigenen Servern laufen?
Daten, Systeme und Kompetenz gehören in eigene Hände. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, es ist Risikomanagement: Wer sein Geschäft auf fremde Plattformen baut, hat sein Geschäft verliehen. Abhängigkeit ist am Ende eine Designentscheidung.
Das gilt im Kleinen für jeden Selbständigen und im Großen für dieses Land. Ich will, dass wir in Deutschland und Europa agentische KI beherrschen, statt sie nur zu benutzen: auf eigenen Servern, mit austauschbaren Modellen, mit Menschen, die verstehen, was da läuft.
Damit stehe ich nicht allein. In einer repräsentativen Befragung gaben 93 Prozent der Unternehmen an, bei gleichem Preis und gleicher Leistung eine deutsche KI-Lösung zu bevorzugen, und 88 Prozent ist das Herkunftsland des Anbieters wichtig (Bitkom, 15. September 2025, 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten). Der Wille ist da. Woran es hapert, ist das Angebot und die Bereitschaft, den etwas unbequemeren Weg zu gehen.
Die Richtung, in die es ohne diese Bereitschaft läuft, lässt sich beziffern. Der Marktanteil europäischer Cloud-Anbieter in Europa fiel von 29 Prozent im Jahr 2017 auf 15 Prozent, wo er seither steht. Amazon, Microsoft und Google halten zusammen 70 Prozent. Die stärksten europäischen Anbieter sind SAP und die Deutsche Telekom mit je 2 Prozent (Synergy Research Group, 24. Juli 2025). Der Markt selbst hat sich in diesen Jahren versechsfacht. Europa hat also nicht verloren, weil nichts gewachsen wäre, sondern weil das Wachstum woanders stattfand.
Struktur statt Hektik
Wie halte ich beim KI-Tempo mit, ohne ständig von vorn anzufangen?
Modelle wechseln im Monatstakt, Tools noch schneller. Wer jedem Wechsel hinterherläuft, fängt jedes Mal von vorn an. Wer Strukturen baut — klare Prozesse, sauberes Wissen, definierte Verantwortung —, tauscht nur den Motor und fährt weiter.
Deshalb die Schildkröte: Sie trägt ihr Haus bei sich. Ruhig, ausdauernd, unaufgeregt. Im KI-Zeitalter gewinnen die mit System.
Kompetenz vor Automatisierung
Was muss man können, bevor man etwas automatisiert?
Automatisierung ohne Verständnis erzeugt vor allem eines: Risiken in schnell. Wer einen unklaren Prozess automatisiert, bekommt einen unklaren Prozess mit höherer Taktung.
Menschen mit echter KI-Kompetenz sind der stabilisierende Faktor: Sie erkennen, wo KI trägt und wo sie täuscht. Diese Kompetenz aufzubauen ist keine Nebenaufgabe für Freitagnachmittage. Sie ist die eigentliche Führungsaufgabe dieses Jahrzehnts.
Diese Gedanken vertiefe ich in den Publikationen und in der Agent Area.