Stand:
Das hier ist der Bogen, den ich durchgehe, bevor ich Zeit oder Geld in ein KI-Vorhaben stecke. Kein Bewertungsschema mit Punktzahl am Ende, keine Ampel. Zwölf Fragen in drei Blöcken.
Der Trick daran ist einfach: Wer eine Frage nicht beantworten kann, hat sie beantwortet. Ein „weiß ich nicht“ ist hier kein Zwischenstand, sondern das Ergebnis.
So gehst du vor
Nimm dir ein konkretes Vorhaben, nicht „unsere KI-Strategie“. Ein System, eine Anwendung, ein Agent. Dann arbeite die drei Blöcke der Reihe nach durch und schreib die Antworten auf — nicht nur denken, aufschreiben. Was man nicht formulieren kann, hat man nicht verstanden.
Und dann der wichtigste Teil: Geh es ein zweites Mal durch, mit jemandem, der das Vorhaben nicht mag. Der zweite Durchgang bringt mehr als der erste. Zustimmung findet keine Lücken.
Block 1: Anbieterbindung
- Mit welchem Modell läuft das Vorhaben heute, und wurde es je mit einem zweiten getestet?
- Welche Funktionen nutzt ihr, die es nur bei diesem Anbieter gibt?
- Wenn der Preis morgen um den Faktor drei steigt: Was genau tut ihr dann?
- Liegen eure Daten, Prompts und Regeln an einem Ort, den ihr auch ohne diesen Anbieter lesen könnt?
Wenn Frage zwei mit „noch nicht“ beantwortet wird, ist das der Normalfall und kein Grund zur Sorge. Aber dann gehört der Test vor die nächste Ausbaustufe, nicht danach.
Block 2: Modellwechsel
- Was müsste geändert werden, wenn ihr morgen das Modell tauscht? Eine Konfigurationszeile, eine Datei, oder das halbe System?
- Steckt euer Fachwissen im Prompt oder in einer Wissensbasis daneben?
- Habt ihr irgendwo gemessen, was das System heute leistet?
- Hängen Funktionen an Eigenheiten eines Modells, die ein anderes nicht hat?
Frage sechs ist die wichtigste im ganzen Bogen. Wissen im Prompt geht beim Wechsel verloren. Wissen in einer eigenen Basis bleibt — und macht sogar kleinere Modelle brauchbar.
Frage sieben wird gern übersprungen, und das rächt sich: Ohne Ausgangswert ist nach einem Wechsel nicht feststellbar, ob das System besser oder schlechter geworden ist. Dreißig echte Anfragen aus dem Arbeitsalltag, einmal durchgelassen und aufgehoben, genügen als Grundlage.
Block 3: Europäische Umsetzbarkeit
- Ließe sich dieses Vorhaben vollständig auf europäischer Infrastruktur betreiben, wenn es darauf ankäme?
- Was hindert euch heute konkret daran? Technik, Kosten, oder nur Gewohnheit?
- Welche Daten verlassen den europäischen Rechtsraum — wisst ihr das genau oder nehmt ihr es an?
- Wer im Haus könnte das im Ernstfall umziehen?
Souveränität heißt hier nicht Autarkie. Es geht um die Möglichkeit. Wer sie nicht hat, nimmt entgegen, was andere entscheiden.
Die Auswertung
Ein Nein ist keine schlechte Note. Es ist eine Position, die man kennen sollte, bevor Budget freigegeben wird.
| Befund | Was daraus folgt |
|---|---|
| Nein in Block 1 | Als bewusste Entscheidung festhalten, mit Ausstiegsplan und Kostengrenze |
| Nein in Block 2 | Vor dem Ausbau beheben, sonst wird jeder Modellwechsel ein Neuanfang |
| Nein in Block 3 | Prüfen, ob es an Technik oder an Gewohnheit liegt. Meist ist es Gewohnheit |
Ein Nein in Block 2 ist erfahrungsgemäß der teuerste Fehler, weil er erst sichtbar wird, wenn schon investiert wurde. Bis dahin läuft alles, und niemand merkt, dass das System auf einem einzigen Anbieter ruht.
Was dieses Raster nicht leistet
Es sagt dir nicht, ob ein Vorhaben sinnvoll ist. Es sagt dir, ob du weißt, was du tust. Das ist weniger, aber es ist die Frage, die vorher kommt.